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Sunday, 23. march 2008 7 23 /03 /März /2008 12:07

Meine Wünsche und Hoffnungen gehen noch weiter. Ich sehe ein Gefängnis als komplexes System. Alle Personen gehören dazu. Die Inhaftierten und auch die Menschen, die dort arbeiten.

Daher wünsche ich mir, die Inhalte der GFK auch an die „Nicht-Inhaftierten" im Gefängnis zu vermitteln, da ich davon überzeugt bin, dass alle Menschen- egal ob im Gefängnis oder außerhalb, davon profitieren können.

Die ersten Schritte dazu sind getätigt. In Hannover wird bald ein 2-Tageskurs für interessierte Justizvollzugsbeamte stattfinden. Wenn ich daran denke, werde ich ganz aufgeregt, da mir so wichtig ist, dass der Kurs „angenommen" wird- und wir weitere Kurse für die Mitarbeiter anbieten dürfen.

von Georgis Heintz
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Sunday, 23. march 2008 7 23 /03 /März /2008 12:02

Gefängnisprojekt „neue Wege gehen"

Auf der Basis der Gewaltfreien Kommunikation

 

Seit etwa 3 Jahren arbeiten mein Kollege Jens Hennings und ich mit diesem Projekt ehrenamtlich in der JVA Hannover, Schulenburger Landstrasse. Dies ist eine Strafanstalt für erwachsene Männer.

Unsere Idee ist, den Teilnehmern Unterstützung zur Selbstreflexion zu geben, und sie darin zu begleiten, sich mit den Gefühlen und Bedürfnissen, die hinter ihren Handlungen stehen, zu verbinden, um aus der Verbindung zu ihren Bedürfnissen heraus andere Wege sehen und gehen zu können. Die Auseinandersetzung mit sich selbst dient dann als Grundlage, um zu erkennen, dass bei allen Menschen hinter ihren Handlungen Gefühle und Bedürfnisse stehen.

Zusammengefasst geht es um einen zufriedenstellenderen Kontakt zu sich selbst und anderen, sowie um erweiterte Wahlmöglichkeiten im Handeln.

Unser Pilotprojekt starteten wir mit fünf Inhaftierten an 8 Freitagen à drei Stunden. Dabei wurde deutlich, dass wir jedes Mal viel Zeit brauchten, um anzukommen, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, und kaum Raum für die Auseinandersetzung mit persönlichen Themen hatten. Danach war für uns klar, dass wir die Gemeinsame Zeit sinnvoller nutzen können, wenn wir  ganze Tage mit einer größeren Gruppe arbeiten.

Seitdem planen wir die Kurse über zwei ganze Samstage, im Abstand von zwei Wochen - und einer Teilnehmerzahl bis 12 Personen. Immer wenn zwei Gruppen diese beiden Tage durchlaufen haben, bieten wir einen zusätzlichen Vertiefungstag an.

An den beiden Tagen sind unsere Themen:

-         Vertrauen aufbauen, ankommen

-         Wo fängt Gewalt an?

-         Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation

-         Erweiterung des Sprachschatzes für Gefühle und Bedürfnisse

-         Selbsteinfühlung

-         Die vier Ohren (unterschiedliche Arten, eine schmerzvolle Botschaft zu hören)

-         Wie gehe ich mit Ärger um?

-         Wie gehe ich mit einem Nein um?

-         Was ist Einfühlung?

-         Was kann ich tun, um Situationen zu entschärfen?

-         Wann fällt mir Geben leicht - wann schwer

 

Wie gestalten wir die beiden Tage?

Tag 1:

Zu Beginn fragen wir die Teilnehmer, ob sie freiwillig da sind, ob sie gebeten wurden zu kommen, oder welchen Grund sie sonst haben, in dieser Gruppe zu sein. Danach machen wir eine Runde, in der alle sagen können, woher sie kommen und was sie möchten, dass die anderen von ihnen wissen. Daraufhin sammeln wir, was für jeden einzelnen ein erfolgreicher Kurs wäre, und wie wir alle dazu beitragen können.

 

Dann starten wir mit einer Übung, in der es darum geht, was bei Anwendung von Gewalt sichtbar ist und welche Gefühle und unerfüllten Bedürfnisse dazu beitragen, Gewalt auszuüben. Dabei versuchen wir zu vermitteln, dass Gewalt nicht nur körperlich stattfindet, sondern schon früher, in der Art, wie wir miteinander reden und wie wir denken. (das Eisbergmodell)

 

Als nächstes erklären wir das 4-Schritte Modell der Gewaltfreien Kommunikation.

Beobachtung - Gefühle - Bedürfnisse - Bitte

Zum Verständnis nutzen wir ein Rollenspiel, in dem wir einen Konflikt auf zwei verschiedene Arten und Weisen darstellen.

 

 

Nun folgen Übungen für jeden einzelnen Schritt.

Beobachtung:

-         einer von uns bewegt sich auf verschiedene Arten im Raum, verändert die Haltung, Mimik etc. Die Teilnehmer beschreiben, was sie sehen, und wir halten das auf dem Flip chart fest, um dann zu sehen, was tatsächlich eine Beobachtung und was eine Interpretation ist.

Gefühle:

-         hier starten wir mit der Frage, wie es für sie als Mann ist, wenn sie das Wort Gefühle hören.

Mit Hilfe von Sätzen, die Situationen beschreiben sammeln wir Gefühle und zeigen auf, wie eng Gefühle und Bedürfnisse miteinander verbunden sind.

Bedürfnisse:

-         Die Bedürfnisse stellen wir als eine Art Schatzkiste dar. Der Schatz, aus dem heraus                          

wir handeln. Dieser Schatz steht allen Menschen dieser Erde zur Verfügung, denn alle Menschen kennen die gleichen Bedürfnisse. Und alle Bedürfnisse „glänzen", da es keine negativen  gibt. Dabei versuchen wir Klarheit zu geben, was der Unterschied zwischen Bedürfnissen und Handlungen/Strategien ist, und dass ein unerfülltes Bedürfnis sichtbar wird, durch ein unangenehmes Gefühl, sowie ein erfülltes Bedürfnis durch ein angenehmes Gefühl.

Bitte:

-         Die Bitte zeigen wir auf als eine Art Brücke vom unerfüllten Bedürfnis zur Erfüllung dieses Bedürfnisses. Wir schauen uns verschiedene Bitten an, um den Unterschied einer Bitte und einer Forderung verständlich zu machen. Und wir üben uns darin, eine Bitte konkret, machbar, positiv und aufs hier und jetzt bezogen, auszudrücken.

 

Nun geht es darum, Erfahrungen mit den Schritten zu machen, da das eigene Erleben Verstehen leichter macht. Dafür bitten wir die Teilnehmer eigene Beispiele von Konflikten zu teilen. Dafür nutzen wir bunte Karten, mit den 4 Schritten, an denen wir mit einzelnen Teilnehmern langgehen und sie dabei unterstützen, zu sehen, wie es ihnen in der Situation geht.

 

Ein weiterer Bestandteil ist die Erläuterung des „Verstärker Kreislaufs des Verhaltens"

 

 

Zwischendrin ist Raum für Pausen, gemeinsame Spiele und Einzelgespräche, sowie das gemeinsame Mittagessen.

 

Tag 2

An diesem Tag geben wir den Teilnehmern eine Zusammenfassung dessen, was wir am ersten Tag gemacht haben als Handout.

Wir beginnen wieder mit einer Runde, in der jeder sagen kann, was in ihm lebendig ist und was in den beiden Wochen geschehen ist.

 

Nun wechseln wir mit Theorie und Praxis. Einmal sammeln wir eigene Beispiele, mit denen sich die Teilnehmer auseinandersetzen möchten. Zum anderen schauen wir, dass nach einem persönlichen Prozess ein Input von uns kommt.

 

Ein Thema sind die vier Ohren. Wir sammeln Botschaften, die schwer für uns zu hören sind.(z.B. Nie machst du was richtig)

Dann zeigen wir 4 verschiedene Möglichkeiten auf, wie wir diese Botschaften hören können.

  1. Gegen uns selbst
  2. Gegen den anderen
  3. was ich fühle und brauche, wenn ich das höre
  4. was mein Gegenüber möglicherweise fühlt und braucht, wenn er das sagt

Dies gehen wir dann mit verschiedenen Botschaften der Teilnehmer durch. Unser Ziel dabei ist es, aufzuzeigen, dass es in meiner Verantwortung (und damit Einflussmöglichkeit) liegt,

wie ich Botschaften höre.

 

Ein weiteres Thema ist, wie ich ein Nein höre.

Auch dafür nutzen wir bunte Karten, und spielen durch, was bei mir geschieht und wie ich darauf reagieren kann, wenn eine Bitte nicht erfüllt wird. Hier ist es uns wichtig, dass die Teilnehmer erkennen, das ein Nein nicht gegen sie gerichtet ist, sondern vielmehr mit der Person zu tun hat, die es ausspricht - und dass auch hinter jedem Nein ein wundervolles Bedürfnis steht, und ein Ja zu sich selbst.

 

 

Das Thema Ärger kommt meist bei einem der persönlichen Themen. Auch hier setzen wir wieder die Karten ein. Unser Ziel ist, dass gesehen wird, dass unsere Gedanken den Ärger produzieren - und das hinter dem Ärger andere Gefühle und unerfüllte Bedürfnisse stehen.

 

 

Bei allem, was wir machen geht es stets um Einfühlung. Das zentrale Thema ist, wie fühle ich mich und was brauche ich? - und was fühlt der Andere und was braucht diese Person?

Nachhaltige, konstruktive Konfliktlösungen, kann es nur geben, wenn meine Bedürfnisse und die der anderen Seite gleichberechtigt gesehen werden.

 

 

Uns liegt viel daran, die Theorie so mit praktischen Übungen zu vermischen, dass die Teilnehmer weitestgehend aktiv mitgestalten, und das sie sich mit ihren Themen auseinandersetzen können.

Den Vertiefungstag bereiten wir zwar vor, die Teilnehmer bestimmen jedoch größtenteils, was ihnen für den Tag wichtig ist. Bisher beendeten wir den Kurs mit einer Dankbarkeits- und Wertschätzungsübung.

Mittlerweile haben etwa 70 Inhaftierte an unseren Kursen teilgenommen. Es berührt uns jedes Mal aufs Neue, wie dankbar die Teilnehmer sind, dass sie als Menschen gesehen werden. Wir erfahren eine große Offenheit und Wertschätzung in unseren Kursen - und das macht es uns leicht, mit Freude dabei zu sein.

Drei Tage mögen nicht besonders viel sein. Wir haben jedoch den Eindruck, dass die Teilnehmer etwas für sich mitnehmen.

Verschiedene Feedbacks:

-         so hab ich vorher noch nie über mich nachgedacht

-         es tut gut, wenn einem jemand so zuhört

-         ich hab das mit dem Zuhören mal ausprobiert..und es hat funktioniert

-         Ich konnte auf Provokationen gelassen reagieren

-         ich habe mehr Worte für dass, was ich fühle

-         ich würde gerne weitermachen

-         ich konnte meinen Vollzugs-Abteilungsleiter das erste Mal als Mensch sehen. Das Gespräch lief ganz anders und es gab Ergebnisse, die nicht im Traum erwarte habe.

 

Soweit zu dem, was wir bisher gemacht haben.

von Georgis Heintz
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Sunday, 23. march 2008 7 23 /03 /März /2008 11:57

-         Einen Satz, den ich in fast allen Kursen gehört habe, ist: "Es tut gut, dass Menschen von „Draußen" kommen. Das man an uns denkt."

-         Ich bin stets aufs Neue verblüfft, mit wie viel Offenheit man mir begegnet. Wie viel Wertschätzung, Vertrauen und Dankbarkeit ich erfahre.

-         Eine Frage, die von den Teilnehmern oft gestellt wird: "Was bringt sie dazu, am Wochenende (die Kurse sind immer Samstags) hierher zu kommen? Sie zahlen dabei doch noch drauf (wir sind in der JVA Hannover ehrenamtlich tätig)." Ich erkläre daraufhin, dass ich mehr erhalte, als Geld, nämlich Verbindung, Wertschätzung, Vertrauen, Spaß, Austausch, Lebendigkeit, Lernen und Wachstum- und „das Leben zu bereichern".

 

Hier einige Beispiele und Reaktionen der Häftlinge (bisher alle Erfahrungen mit männlichen Inhaftierten):

 

Zum Thema Ärger...

T: Was sind deine Gedanken?

D: Ich möchte am liebsten alle Schlagen. Das sind doch Idioten und Spinner.

T: Kannst du die Wut im Körper spüren?

D: Nein, ich fühle nichts

T: Sind da noch mehr Gedanken?

D: Verdammt- eigentlich bin ich sauer auf mich selbst, dass ich überhaupt hier gelandet bin.

T: Kannst du diese Wut im Körper spüren?

D: (klopft sich auf die Brust) Die spür ich hier.

T: Bist du sauer, weil du Vertrauen brauchst, dein Leben Leben zu können, ohne wieder ins Gefängnis zu kommen?

D: Ja

T: Und möchtest du selber bestimmen können, mit welchen Menschen du deine Zeit verbringst? Und eine Umgebung, in der mehr Gemeinschaftlichkeit ist?

D: Auf jeden Fall

T: Und deine Wut auf die anderen? Hängt sie damit zusammen, dass du dir einen achtsamen und respektvollen Umgang wünschst?

D: Ja, Ich glaub schon.

T: Wenn du dich mit deinen Bedürfnissen verbindest - ich nenne sie dir noch einmal: Vertrauen, Selbstbestimmung, Gemeinschaft, ein respektvolles Miteinander... verändert sich dann etwas bei dir? Verändert sich die Wut?

D: Ja, da ist jetzt eher Hilflosigkeit.

T: Hilflos, weil du nicht weißt, was du tun kannst, um die Situation zu verändern?

D: Ja. Wissen sie, so hab ich noch nie über mich nachgedacht.

T: Hilft dir das?

D: Na ja, nicht dabei, hier raus zu kommen. Aber es macht was in mir.

T: Danke, dass du mitgemacht hast.

 

Der gleiche Teilnehmer als Feedback am nächsten Tag:

D: Na ja, sie hören einem so zu, dass man einfach weiterreden möchte

Zu Beginn des zweiten Tages (eines 2-Tages Kurses)fragen wir die Teilnehmer, ob sie in der Zwischenzeit etwas ausprobiert hätten?

Antwort von zwei Teilnehmern: wir hatten in der Zwischenzeit ein Gespräch mit unserm Vollzugsabteilungsleiter. Wir konnten ihn das erste Mal als Mensch sehen, und nicht als bürokratisches Monster. Wir haben in diesem Gespräch Dinge erreicht, die wir uns vorher nicht vorstellen konnten.

Ebenfalls zu Beginn des zweiten Tages die Frage was in der Zwischenzeit gelaufen sei beantwortet ein Teilnehmer: ich bin von einem Freund angespuckt worden. Ich habe keine Ahnung, was ihn dazu getrieben hat. Und ich bin ruhig geblieben und habe weder zurück gespuckt noch anderes aggressiv reagiert. Das hätte ich vorher nicht geschafft.  

Bei der Auswertung eines Kurses, sagte einer der Häftlinge am Ende:" Wissen sie, es tut gut, dass sie einem einfach zuhören. Da fühle ich mich als Mensch gesehen."

Ein anderer: „Wissen sie, ich hab mich hier im Kurs überhaupt nicht, wie im Gefängnis gefühlt."

Ein Häftling aus Nigeria gab als Feed-back: Ich spüre, dass ihr euch wirklich kümmert- und ich danke euch, dass ihr uns hier die Chance gebt, wir selber zu sein, und uns als Mensch zu zeigen. Für mich wurde hier so etwas, wie Liebe erfüllt. Das ist viel mehr, als ich erhofft hatte...

Die Selbe Person in der Abschlussrunde eines Kurses: Ich habe gelernt, dass es sinnvoll ist, mir über meine Gefühle und Bedürfnisse bewusst zu werden, bevor ich handle. Meine Reaktion hat viel mit dem zu tun, was zu mir zurückkommt.

Ebenfalls eine Person in der Abschlussrunde: Ich habe Möglichkeiten für mich gefunden, aus schwierigen Situationen herauszukommen.

Eine weitere Rückmeldung: Mir gefällt die Genauigkeit der 4Schritte. Es hilft mir, Klarheit über mich zu erhalten.

... Als ich hierher kam dachte ich mir:" Geh mal hin und hör es dir an, wird schon nicht so schlimm sein." Ich bin erstaunt, in wie vielen Situationen ich mich wieder gefunden habe.

von Georgis Heintz
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Sunday, 23. march 2008 7 23 /03 /März /2008 11:50

Seit etwa drei Jahren gehe ich mit meinem Kollegen Jens Hennings in die JVA Hannover. Unser Projekt nennt sich „neue Wege gehen" und basiert auf den Inhalten der Gewaltfreien Kommunikation.

 

-         Ich erlebe die GFK in meinem Leben als große Bereicherung. Das stärkt den Wunsch in mir, beizutragen, dass mehr und mehr Menschen das Geschenk der GFK erleben dürfen. Um Häftlingen diese Chance zu geben, braucht es Menschen, die in Gefängnisse gehen.

-         Es berührt mich, zu erleben, wie Menschen mit dieser „extremen" Situation des eingesperrt seins umgehen. Auf welch unterschiedliche Art und Weise sie Mut und Kraft finden, um diese Zeit durchzustehen.

-         Ich glaube daran, dass wenn wir Menschen uns bewusst werden, welche Bedürfnisse hinter unseren Handlungen stehen, die Wahlmöglichkeiten unserer Handlungen wachsen- und sich die Chance erhöht, dass wir Strategien für uns finden, ohne anderen Menschen zu schaden.

-         Und ich glaube, es ist wichtig, Wege zu finden, mit unserem Schmerz, unserer Frustration, unseren Ängsten, unserer Verzweiflung etc. so in Kontakt zu kommen, dass wir diese Gefühle auf eine konstruktive und friedvolle Art verarbeiten können.


von Georgis Heintz
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