Gefängnisprojekt „neue Wege gehen"
Auf der Basis der Gewaltfreien Kommunikation
Seit etwa 3 Jahren arbeiten mein Kollege Jens Hennings und ich mit diesem Projekt ehrenamtlich in der JVA Hannover, Schulenburger Landstrasse. Dies ist eine Strafanstalt für erwachsene Männer.
Unsere Idee ist, den Teilnehmern Unterstützung zur Selbstreflexion zu geben, und sie darin zu begleiten, sich mit den Gefühlen und Bedürfnissen, die hinter ihren Handlungen stehen, zu verbinden,
um aus der Verbindung zu ihren Bedürfnissen heraus andere Wege sehen und gehen zu können. Die Auseinandersetzung mit sich selbst dient dann als Grundlage, um zu erkennen, dass bei allen Menschen
hinter ihren Handlungen Gefühle und Bedürfnisse stehen.
Zusammengefasst geht es um einen zufriedenstellenderen Kontakt zu sich selbst und anderen, sowie um erweiterte Wahlmöglichkeiten im Handeln.
Unser Pilotprojekt starteten wir mit fünf Inhaftierten an 8 Freitagen à drei Stunden. Dabei wurde deutlich, dass wir jedes Mal viel Zeit brauchten, um anzukommen, eine vertrauensvolle Atmosphäre
zu schaffen, und kaum Raum für die Auseinandersetzung mit persönlichen Themen hatten. Danach war für uns klar, dass wir die Gemeinsame Zeit sinnvoller nutzen können, wenn wir ganze Tage mit
einer größeren Gruppe arbeiten.
Seitdem planen wir die Kurse über zwei ganze Samstage, im Abstand von zwei Wochen - und einer Teilnehmerzahl bis 12 Personen. Immer wenn zwei Gruppen diese beiden Tage durchlaufen haben, bieten
wir einen zusätzlichen Vertiefungstag an.
An den beiden Tagen sind unsere Themen:
- Vertrauen aufbauen, ankommen
- Wo fängt Gewalt an?
- Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation
- Erweiterung des Sprachschatzes für Gefühle und Bedürfnisse
- Selbsteinfühlung
- Die vier Ohren (unterschiedliche Arten, eine schmerzvolle Botschaft zu hören)
- Wie gehe ich mit Ärger um?
- Wie gehe ich mit einem Nein um?
- Was ist Einfühlung?
- Was kann ich tun, um Situationen zu entschärfen?
- Wann fällt mir Geben leicht - wann schwer
Wie gestalten wir die beiden Tage?
Tag 1:
Zu Beginn fragen wir die Teilnehmer, ob sie freiwillig da sind, ob sie gebeten wurden zu kommen, oder welchen Grund sie sonst haben, in dieser Gruppe zu sein. Danach machen wir eine Runde, in der
alle sagen können, woher sie kommen und was sie möchten, dass die anderen von ihnen wissen. Daraufhin sammeln wir, was für jeden einzelnen ein erfolgreicher Kurs wäre, und wie wir alle dazu
beitragen können.
Dann starten wir mit einer Übung, in der es darum geht, was bei Anwendung von Gewalt sichtbar ist und welche Gefühle und unerfüllten Bedürfnisse dazu beitragen, Gewalt auszuüben. Dabei versuchen
wir zu vermitteln, dass Gewalt nicht nur körperlich stattfindet, sondern schon früher, in der Art, wie wir miteinander reden und wie wir denken. (das Eisbergmodell)
Als nächstes erklären wir das 4-Schritte Modell der Gewaltfreien Kommunikation.
Beobachtung - Gefühle - Bedürfnisse - Bitte
Zum Verständnis nutzen wir ein Rollenspiel, in dem wir einen Konflikt auf zwei verschiedene Arten und Weisen darstellen.
Nun folgen Übungen für jeden einzelnen Schritt.
Beobachtung:
- einer von uns bewegt sich auf verschiedene Arten im Raum, verändert die Haltung, Mimik etc. Die Teilnehmer beschreiben, was sie sehen, und wir
halten das auf dem Flip chart fest, um dann zu sehen, was tatsächlich eine Beobachtung und was eine Interpretation ist.
Gefühle:
- hier starten wir mit der Frage, wie es für sie als Mann ist, wenn sie das Wort Gefühle hören.
Mit Hilfe von Sätzen, die Situationen beschreiben sammeln wir Gefühle und zeigen auf, wie eng Gefühle und Bedürfnisse miteinander verbunden sind.
Bedürfnisse:
- Die Bedürfnisse stellen wir als eine Art Schatzkiste dar. Der Schatz, aus dem
heraus
wir handeln. Dieser Schatz steht allen Menschen dieser Erde zur Verfügung, denn alle Menschen kennen die gleichen Bedürfnisse. Und alle Bedürfnisse „glänzen", da es keine negativen gibt.
Dabei versuchen wir Klarheit zu geben, was der Unterschied zwischen Bedürfnissen und Handlungen/Strategien ist, und dass ein unerfülltes Bedürfnis sichtbar wird, durch ein unangenehmes Gefühl,
sowie ein erfülltes Bedürfnis durch ein angenehmes Gefühl.
Bitte:
- Die Bitte zeigen wir auf als eine Art Brücke vom unerfüllten Bedürfnis zur Erfüllung dieses Bedürfnisses. Wir schauen uns verschiedene Bitten an,
um den Unterschied einer Bitte und einer Forderung verständlich zu machen. Und wir üben uns darin, eine Bitte konkret, machbar, positiv und aufs hier und jetzt bezogen, auszudrücken.
Nun geht es darum, Erfahrungen mit den Schritten zu machen, da das eigene Erleben Verstehen leichter macht. Dafür bitten wir die Teilnehmer eigene Beispiele von Konflikten zu teilen. Dafür nutzen
wir bunte Karten, mit den 4 Schritten, an denen wir mit einzelnen Teilnehmern langgehen und sie dabei unterstützen, zu sehen, wie es ihnen in der Situation geht.
Ein weiterer Bestandteil ist die Erläuterung des „Verstärker Kreislaufs des Verhaltens"
Zwischendrin ist Raum für Pausen, gemeinsame Spiele und Einzelgespräche, sowie das gemeinsame Mittagessen.
Tag 2
An diesem Tag geben wir den Teilnehmern eine Zusammenfassung dessen, was wir am ersten Tag gemacht haben als Handout.
Wir beginnen wieder mit einer Runde, in der jeder sagen kann, was in ihm lebendig ist und was in den beiden Wochen geschehen ist.
Nun wechseln wir mit Theorie und Praxis. Einmal sammeln wir eigene Beispiele, mit denen sich die Teilnehmer auseinandersetzen möchten. Zum anderen schauen wir, dass nach einem persönlichen
Prozess ein Input von uns kommt.
Ein Thema sind die vier Ohren. Wir sammeln Botschaften, die schwer für uns zu hören sind.(z.B. Nie machst du was richtig)
Dann zeigen wir 4 verschiedene Möglichkeiten auf, wie wir diese Botschaften hören können.
- Gegen uns selbst
- Gegen den anderen
- was ich fühle und brauche, wenn ich das höre
- was mein Gegenüber möglicherweise fühlt und braucht, wenn er das sagt
Dies gehen wir dann mit verschiedenen Botschaften der Teilnehmer durch. Unser Ziel dabei ist es, aufzuzeigen, dass es in meiner Verantwortung (und damit Einflussmöglichkeit) liegt,
wie ich Botschaften höre.
Ein weiteres Thema ist, wie ich ein Nein höre.
Auch dafür nutzen wir bunte Karten, und spielen durch, was bei mir geschieht und wie ich darauf reagieren kann, wenn eine Bitte nicht erfüllt wird. Hier ist es uns wichtig, dass die Teilnehmer
erkennen, das ein Nein nicht gegen sie gerichtet ist, sondern vielmehr mit der Person zu tun hat, die es ausspricht - und dass auch hinter jedem Nein ein wundervolles Bedürfnis steht, und ein Ja
zu sich selbst.
Das Thema Ärger kommt meist bei einem der persönlichen Themen. Auch hier setzen wir wieder die Karten ein. Unser Ziel ist, dass gesehen wird, dass unsere Gedanken den Ärger produzieren - und das
hinter dem Ärger andere Gefühle und unerfüllte Bedürfnisse stehen.
Bei allem, was wir machen geht es stets um Einfühlung. Das zentrale Thema ist, wie fühle ich mich und was brauche ich? - und was fühlt der Andere und was braucht diese Person?
Nachhaltige, konstruktive Konfliktlösungen, kann es nur geben, wenn meine Bedürfnisse und die der anderen Seite gleichberechtigt gesehen werden.
Uns liegt viel daran, die Theorie so mit praktischen Übungen zu vermischen, dass die Teilnehmer weitestgehend aktiv mitgestalten, und das sie sich mit ihren Themen auseinandersetzen können.
Den Vertiefungstag bereiten wir zwar vor, die Teilnehmer bestimmen jedoch größtenteils, was ihnen für den Tag wichtig ist. Bisher beendeten wir den Kurs mit einer Dankbarkeits- und
Wertschätzungsübung.
Mittlerweile haben etwa 70 Inhaftierte an unseren Kursen teilgenommen. Es berührt uns jedes Mal aufs Neue, wie dankbar die Teilnehmer sind, dass sie als Menschen gesehen werden. Wir erfahren eine
große Offenheit und Wertschätzung in unseren Kursen - und das macht es uns leicht, mit Freude dabei zu sein.
Drei Tage mögen nicht besonders viel sein. Wir haben jedoch den Eindruck, dass die Teilnehmer etwas für sich mitnehmen.
Verschiedene Feedbacks:
- so hab ich vorher noch nie über mich nachgedacht
- es tut gut, wenn einem jemand so zuhört
- ich hab das mit dem Zuhören mal ausprobiert..und es hat funktioniert
- Ich konnte auf Provokationen gelassen reagieren
- ich habe mehr Worte für dass, was ich fühle
- ich würde gerne weitermachen
- ich konnte meinen Vollzugs-Abteilungsleiter das erste Mal als Mensch sehen. Das Gespräch lief ganz anders und es gab Ergebnisse, die nicht im
Traum erwarte habe.
Soweit zu dem, was wir bisher gemacht haben.